Leben mit Immundefekt / Hafer, Hanf und Cannabis

420/2020 - Mehr als "Kiffen"

von Jens

Cannabis hat in den letzten Jahren einen großen Teil seines schlechten Images abwerfen können. Zum Teil resultierend aus der zunehmenden Akzeptanz als Genussmittel auf internationaler Ebene, Vorreiter war hier wohl vor allem Kanada, aber auch nicht zuletzt durch den verstärkt wahrgenommenen Einsatz als medizinisch wirksames Arzneimittel. Anlässlich des Four-Twenty, dem inoffiziellen Feiertag der Cannabis-Kultur am 20. April, möchten wir euch mit diesem Artikel über die aktuelle rechtliche Lage für Patienten in Deutschland informieren und euch verschiedene Möglichkeiten zur Einnahme eures medizinischen Cannabis abseits des gesundheitlich wenig optimalen "Kiffens" aufzuzeigen.


Die rechtliche Situation im Jahr 2020

Seit 2017 steht Patienten in Deutschland Cannabis als regulär verschreibungsfähiges und apothekenpflichtiges Arzneimittel (gemäß Betäubungsmittelgesetz Anlage III) zur Verfügung. Neben Fertigpräparaten auf Basis von Dronabinol (eine andere Bezeichnung für THC beziehungsweise Tetrahydrocannabinol) umfasst diese Regelung auch individuelle Zubereitungen oder die getrockneten Blüten der Pflanze. Grundsätzlich gilt, dass die Entscheidung ob ein Patient Cannabis erhalten soll und darf ausschließlich vom behandelnden Arzt abhängt. Verschreibt ein Arzt Cannabis, eine bestimmte Zubereitung oder ein Fertigarzneimittel auf Basis von THC, so kann und darf der Patient dieses in jedem Fall beziehen.
Ob die Krankenkassen einer Kostenübernahme zustimmen, steht jedoch leider wieder auf einem anderen Blatt. Da die Verordnung selbst aber mit der Kostenübernahme nichts zu tun hat, besteht im Zweifelsfall immer die Möglichkeit, eine Verschreibung über Privatrezept erfolgen zu lassen. In einem solchen Fall ist aber zu beachten, dass der Vorgang in seiner Gänze wie eine individuelle Gesundheitsleistung (kurz IGeL) zu behandeln wäre. Daraus resultiert, dass auch das dazugehörige ärztliche Gespräch, so es denn ausschließlich für die Verordnung von Medizinalcannabis geführt wurde, sowie die Verschreibung selbst und die Übermittlung der notwendigen Daten für die Datenerhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Privatleistung mit dem Patienten abzurechnen sind (Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung).


Nicht Kiffen, sondern?

Das Problem beim klassischen Kiffen, also dem Rauchen von Cannabis, ist die recht hohe gesundheitsschädigende Wirkung welche durch die bei der Verbrennung entstehenden Nebenprodukte verursacht wird. Noch schlimmer wird es, wenn für den Konsum Tabak beigemengt wird - in diesem Fall ist Kiffen genau so schädlich wie das normale Rauchen und daher keinenfalls zu empfehlen.
Da die inhalative Aufnahme der Wirkstoffe jedoch durchaus von Vorteil sein kann - etwa wenn ein schneller Wirkungseintritt erwünscht oder erforderlich ist - möchten wir euch hier eine Alternative zum Rauchen nennen: Das Verdampfen über einen Vaporizer. Diese Geräte, welche es in verschiedensten Ausführen regulär zu erwerben gibt, verflüchtigen die im Pflanzenmaterial enthaltenen Stoffe bei niedrigen Temperaturen (um die 200 °C im Gegensatz zu 600 bis 1100 °C bei der Verbrennung). Auch wenn es noch keine Langzeitstudien zu dieser Verabreichungsform gibt, wird angenommen, dass die Inhalation über einen solchen Vaporizer weniger gesundheitsschädlich ist als das Rauchen.


Aktivieren durch Decarboxylierung

Grundlage bei der Herstellung von den meisten "infused"-Zubereitungen, also um Auszüge aus der Cannabispflanze ergänzte Rezepturen, ist das vollständige Aktivieren und Lösen der Inhaltsstoffe aus der Pflanze.
Ein großteil der wirksamen Inhaltsstoffe der Cannabispflanze liegen in Form von sauren Verbindungen vor, welche zuvor in eine für den Körper verwertbare Form gebracht werden müssen. Bei der Inhalation geschieht dies durch chemische Prozesse, welche durch die Zufuhr von Wärmeenergie in Gang gebracht werden. Ein ähnliches Verfahren wird auch bei der Vorbereitung für die Verwendung in Rezepturen verwendet, das sogenanne Decarboxylieren. Bei diesem Vorgang werden die Inhaltsstoffe im Pflanzenmaterial unter Zufuhr von Wärme (beispielsweise im Backofen) bei maximal 145 °C in ihre aktive Form umgewandelt. Am Beispiel von THC bedeutet dies im Detail, dass von der sauren Verbindung 9-Tetrahydrocannabinolsäure (THCA) durch die Reaktion bei der Wärmezufuhr eine Carboxyl-Gruppe abgespalten wird und als Reaktionsprodukt das psychotrope, also wirksame, Tetrahydrocannabinol (THC) übrig bleibt.
Ähnliches gilt übrigens für das in den letzten Jahren bekannter gewordene Cannabidiol, welches in seiner Ausgangsform ebenfalls als saure Verbindung, der Cannabidiolsäure (CBDA) vorliegt. Im Gegensatz zu THCA und THC sind beim CBD beide Formen nicht psychotrop und man geht davon aus, dass auch Cannabidiolsäure wie auch das decarboxylierte Cannabidiol entzündungshemmende und antiproliferative Wirkungen besitzt - im Fall von CBDA ist dies lediglich nocht nicht hinreichend untersucht.


Der Superlativ: Digestiv

Was im ersten moment kompliziert klingt ist eigentlich ganz einfach; es geht um Cannabis im Essen beziehungsweise die Aufnahme der Wirkstoffe über Magen und Darm (genaugenommen sogar bereits über die Mundschleimhaut).
Wer sein Cannabis in Form von sogenannten "Eadibles", also essbarer Zubereitungen, zu sich nimmt holt in den meisten Fällen auch meistens das größtmögliche Wirkungspotenzial aus der Pflanze heraus. Das bedeutet allerdings auch, dass man mit stärkeren und länger anhaltenden Effekten rechnen muss, als man sie vielleicht bereits von der inhalativen Aufnahme kennt. Da jeder Mensch anders auf Wirkstoffe reagiert und viele Faktoren bei der Aufnahme über die Nahrung eine Rolle spielen, lässt hier zwar keine generell gültige Aussage treffen, aber Wirkungszeiträume von vier oder mehr Stunden sind durchaus möglich.

Mit Fett ins Futter

Die Tatsache, dass die Inhaltsstoffe in ihrer Ausgangsform als saure Verbindungen vorliegen, lässt auch schon darauf schließen auf welche Weise man sie für die weitere Verwendung aus dem vorbereiteten Material lösen kann: mit Fett. Cannabinoide sind in Tat fettlöslich, was für die Weiterverarbeitung in der Küche natürlich enorm hilfreich ist.
Für diesen Zwischenschritt vor der dem eigentlichen Zubereiten gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Rezepte und Vorschläge aus den verschiedensten Quellen. Wichtig zu wissen ist aber, das man hier die Temperatur so hoch wie nötig aber so niedrig wie möglich dosieren sollte. Zum einen benötigt man genügend Wärme um die Cannabinoide aus den festen Bestandteilen der Pflanze herauszulösen, zum anderen darf es aber nicht so heiß werden, dass die Inhalsstoffe beginnen sich zu verflüchtigen und sich quasi im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auflösen. Mit Temperaturen zwischen 80 °C und 110 °C sollte man aber auf der sicheren Seite sein.
Das fertige Öl oder feste Fett (wie Butter, Schmalz, Kokosfett oder dergleichen) kann im Anschluss ganz normal im eigentlichen Rezept verwendet werden. Man sollte aber den Eigengeschmack den die Terpene aus der Cannabispflanze mit sich bringen unbedingt in die kulinarische Planung mit einbeziehen... aber das ist wieder ein ganz eigenes Thema.

Infused tea time

Was man essen kann, kann man natürlich auch trinken. Tea time ist hier eher als Schlagwort zu verstehen, denn eigentlich sind damit Getränke im Allgemeinen gemeint. Man sollte sich aber im Klaren sein, dass außer bei der Verwendung von aufwändigeren Verfahren, auch hier die Löslichkeit in Fett den Weg der Cannabinoide in die Flüssigkeit bahnt. Was so viel bedeutet, als das man am Ende immer eine gewisse Menge Fett in seinem Getränk hat. Bei einem Kakao mit Sahne wird das vermutlich weniger stören als bei einem doch eher ziemlich wässrigen Tee. Mit entsprechender Verwendung vom Emulgatoren könnte man hier sicherlich Abhilfe schaffen und das Mundgefühl beim Verzehr verbessern.


Dermatologisch topisch

Cannabinoide können auch für Probleme mit der Haut zur Anwendung gebracht werden. Wer sich nicht mit seiner frisch gekochten Cannabis-Nudelsauce einreiben möchte, für den sind vielleicht diese beiden Möglichkeiten zu Weiterverarbeitung eher eine Option.

Salben & Cremes

Wer den Artikel bis hier hin gelesen hat, wird es sich schon denken können: Eine Salbe oder Creme auf fettiger Basis eignet sich ebenfalls sehr gut als Träger für Cannabinoide. Die Vorgehensweise ist denkbar ähnlich und variiert lediglich in der Art der verwendeten Fette und Öle.

Seifen

Eine weitere beliebte Methode um medizinisches Cannabis auf entsprechend versorgende Haut zu bringen ist die Verarbeitung zu Seifen. Hierfür löst man die Cannabinoide wie bereits beschrieben in Öl und fügt diese ölige Lösung seiner Seifenbasis oder Rezeptur hinzu.


Für Puristen

Neben den Möglichkeiten die Einnahme der Cannabinoide über alltägliche Pflege- oder Nahrungsmittel zu lösen, bestehen aber auch noch einfachere Möglichkeiten, welche sich aus medizinischen Darreichungsformen ableiten.

Ab unter die Zunge: Sublingual

Wer sich schon mal über die Einnahme von CBD-Tropfen informiert hat, wird diese Methode sicherlich bereits kennen. Die Rede ist von der simplen Verabreichung einer öligen Cannabinoid-Lösung via Pipette oder Pumpspray unter die Zunge. Aufgrund der guten Durchblutung der Mundschleimhaut an dieser Stelle gelangen die Wirkstoffe dort gelöster Arzneimittel (insofern sie für diese Applikationsform geeignet sind) relativ schnell in den Blutkreislauf.

Mit Kapseln und Zäpfchen

Ähnlich zu digestiven Darreichungsform funktioniert die Einnahme über Kapseln oder auch Zäpchen ebenfalls über die Aufnahme der Wirkstoffe über die Magen- beziehungsweise Darmschleimhaut. Während Kapseln in der Regel mit einer öligen Lösung befüllt werden, erfolgt die Verarbeitung bei einem Zäpchen in der Regel über eine feste Masse. Beide Applikationsformen sollten bei entsprechend arbeitenden Apotheken als Rezeptur-Herstellung erhältlich sein.


Fazit

Wer Cannabis als Medikament bezieht oder beziehen möchte, dem oder der stehen verschiedenste Möglichkeiten zur Verfügung, die Wirkstoffe dieser Pflanze zur Anwednung zu bringen. Für alle angesprochenen Optionen gilt natürlich, dass im Vorfeld mit dem behandelnden Arzt besprochen werden sollte, welche Form für den eigenen medizinischen Fall am besten geeignet sein könnte.

Habt ihr bereits Erfahrungen mit Cannabis in der Behandlung von chronischen Erkrankungen und wie nehmt ihr eure Cannabinoide zu euch? Schreibt es uns in die Kommentare oder diskutiert mit uns in den sozialen Medien.

Euer Jens

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