Leben mit Immundefekt / Hafer, Hanf und Cannabis

Empathie reloaded

von Jens

Wenn ein Infekt einem wieder richtig bewusst werden lässt, was andere täglich aushalten

Es war also mal wie­der so weit, ein Virus oder fie­ses Bak­te­ri­um hat dafür gesorgt, dass Magen und Darm sich nicht so rich­tig wohl gefühlt haben. Dabei will ich mich gar nicht beschwe­ren, erwi­schen mich zum einen eigent­lich all­ge­mein rela­tiv wenig Infek­te und zum ande­ren weis ich aus Erfah­rung mitt­ler­wei­le auch, dass meis­tens nach ein paar Tagen das Gröbs­te dann auch wie­der über­stan­den ist.

Ich bin mir auch ehr­lich gesagt noch nicht ganz sicher, ob die­ser Anfall gas­tro­en­te­ralem Schluss­ver­kauf – also nach dem Prin­zip “alles muss raus” – nun wirk­lich auf die klas­si­sche Magen-Darm-Grip­pe (also vira­le Gas­tro­en­te­ri­tis) zurück­zu­füh­ren ist, oder ob nicht doch eher eine leich­te Lebens­mit­tel­ver­gif­tung dahin­ter ste­cken könn­te. Die Anzei­chen spre­chen eher für zwei­te­res, aber so ganz sicher sein kann man sich bei der aktu­el­len “Seu­chen­la­ge” bzw. den gera­de umge­hen­den Kei­men dann doch nicht zu 100%.

Im End­ergeb­nis ist die Ursa­che in dem Fall jetzt auch weni­ger wich­tig und es geht auch eigent­lich gar nicht dar­um, dass ich selbst 2 Tage krank war (weil das nun wirk­lich nichts ist, wor­über ich die Welt infor­mie­ren müss­te). Ich muss aber selbst zuge­ben, dass einem durch sol­che Momen­te wie­der rich­tig bewusst wird, was ande­re Men­schen jeden Tag aus­hal­ten… und dabei eine wesent­lich bes­se­re Figur machen als ich, der nur im Aus­nah­me­fall mal krank ist.

Ja, ich gebe zu, auch als Ange­hö­ri­ger von einem chro­nisch kran­ken Men­schen ver­gisst man manch­mal, was der gelieb­te Mit­mensch da manch­mal aus­hal­ten muss. Nicht im Sin­ne des wirk­li­chen Ver­ges­sens, weil mit­be­kom­men tut man es ja dann doch sehr deut­lich, aber so wie der Betrof­fe­ne lernt mit sei­ner Situa­ti­on zu leben, so stumpft man als Ange­hö­ri­ger in man­chen Berei­chen viel­leicht auch etwas ab. Das ist auch nichts wo man sich Vor­wür­fe machen müss­te, da es mehr oder weni­ger nur eine Art Selbst­schutz gegen eine mög­li­che Über­for­de­rung aus der Situa­ti­on her­aus ist – immer­hin gibt es ja auch noch ande­re Bau­stel­len im Leben die auch ange­gan­gen wer­den müs­sen. Aber wenn es einen dann mal selbst erwischt und man für einen kur­zen Zeit­raum einen Bruch­teil der all­täg­li­chen Last sei­nes Gegen­übers selbst durch­le­ben muss, dann wird es einem eben doch immer wie­der sehr bewusst: Irgend­wie ist das ein­fach nicht fair.

Klar, so eine aku­te Gas­tro­en­te­ri­tis bei der man schon über den Moment froh ist, ab dem kla­res Was­ser end­lich wie­der im Magen blei­ben möch­te oder man nicht sofort von einem Schluck Fen­chel-Tee einen Anfall von Übel­keit bekommt, ver­hält sich vom Gefühl her noch mal anders als chro­ni­sche Erkran­kun­gen – aller­dings eben wahr­schein­lich auch nur sub­jek­tiv, weil man es als sonst gesun­der eben ein­fach nicht “gewohnt” ist sich so zu füh­len. Wenn ich mir aller­dings vor­stel­le, dass es aber im Grun­de genau das glei­che Gefühl ist das vom chro­nisch Kran­ken nur eben ein­fach schon gewohnt ist und daher als fast “nor­mal” wahr­ge­nom­men wird, dann muss ich schon irgend­wie schlu­cken.

Ich weis zwar sehr genau, dass ich aus mei­ner Posi­ti­on her­aus da nicht viel dran ändern kann und ich bin schon ver­sucht so gut es geht auf die­se Umstän­de ein­zu­ge­hen (was mir auch hof­fent­lich zumin­dest halb­wegs gelingt), aber wenn man es dann eben ganz aktu­ell und im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes akut am eige­nen Kör­per mal erle­ben muss, möch­te man irgend­wie mehr tun… oder zumin­dest ver­su­chen es sich bewuss­ter im Kopf zu hal­ten, was es eigent­lich bedeu­tet wenn der eige­ne Ehe­mann in bei­na­her Regel­mä­ßig­keit sagt “Mir ist mal wie­der übel” oder “Ich weis, dass ich bestimmt Durch­fall bekom­men wer­de, aber ich möch­te das jetzt ein­fach mal essen”.

Mal abge­se­hen davon, dass ich natür­lich ger­ne irgend­et­was tun wür­de um an die­sem unfai­ren Zustand etwas zu ändern, bewirkt die­ser infekt­be­ding­te Wach­rütt­ler aber noch etwas ande­res: Mein Respekt vor all denen, die jeden Tag mit dem zu kämp­fen haben was ich jetzt als kur­zen Tages­aus­flug durch­lebt habe, ist noch­mal gestie­gen. Ich wüss­te nicht, ob ich das so kön­nen wür­de… wahr­schein­lich schon, weil ich es ja dann müss­te, aber ob ich es auch so gut weg­ste­cken könn­te, da bin ich mir nicht so sicher.

Es gehört also defi­ni­tiv eine gewis­se und nicht zu unter­schät­zen­de Por­ti­on Stär­ke dazu mit einer oder meh­re­ren chro­ni­schen Erkran­kun­gen zu Leben… und noch­mal eini­ges mehr, wenn man dane­ben auch noch dar­über hin­aus wirk­lich ein Leben haben möch­te. Wo ande­re sich beschwe­ren, dass neben dem Beruf so wenig Zeit für Hob­bys, Rei­sen und Sport blei­ben, da ist für vie­le Men­schen eigent­lich schon der Punkt über den sie sich freu­en wür­den – ein nor­ma­len All­tag. Die meis­ten chro­nisch Erkrank­ten die ich mitt­ler­wei­le ken­nen ler­nen durf­te ent­spre­chen näm­lich so ganz und gar nicht dem Bild, dass vie­le dem Begriff “chro­ni­sche Erkran­kung” im Kopf haben. Die meis­ten von Ihnen sind näm­lich tat­säch­lich alles ande­re als Fit und ste­hen trotz­dem mit bei­den Bei­nen im Berufs­le­ben, küm­mern sich um Kind und Fami­lie oder enga­gie­ren sich ehren­amt­lich – und das obwohl sie eigent­lich nur die Hälf­te der Kraft eines ansons­ten gesun­den Men­schen dafür übrig haben.

Vie­le leis­ten also das glei­che Pen­sum von dem was ich oder ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung vor­wei­sen kann und das obwohl das Manage­ment von so einer eige­nen Erkran­kung an sich im Grun­de oft­mals schon min­des­tens einer Teil­zeit­be­schäf­ti­gung ent­spricht (und da ist das Aus­hal­ten der eigent­li­chen Sym­pto­me jetzt nocht nicht mal ein­ge­rech­net). Über die Schi­ka­nen und Unge­rech­tig­kei­ten denen man als Betrof­fe­ner in die­sem Zusam­men­hang aus­ge­setzt ist möch­te ich an die­ser Stel­le gar nicht detail­lier­ter reden, das ist noch­mal ein ganz eige­nes The­ma für sich…

Ich bin jetzt zwar hap­py, dass ich nach zwei Tagen wie­der nor­mal essen kann und auch Fie­ber und Unwohl­sein bei­na­he kom­plett ver­schwun­den sind (wo auch die Für­sor­ge von Ste­phan nicht unschul­dig dran ist), aber so rich­tig dar­über freu­en kann man sich dann eben doch nicht, wenn man weiß, dass sehr vie­le Men­schen die­sen Punkt eben nie wirk­lich wie­der errei­chen und dar­über hin­aus von der Gesell­schaft größ­ten­teils nicht mal ernst genom­men wer­den. Auch wenn man nicht gegen jede chro­ni­sche Erkran­kung direkt etwas tun kann, so könn­te man doch zumin­dest dafür Sor­gen, dass die­sen Mit­men­schen das Leben nicht noch schwe­rer gemacht wird als es eh schon ist.

In dem Sin­ne, mei­nen Respekt habt ihr.

Euer Jens

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