Leben mit Immundefekt / Hafer, Hanf und Cannabis

Depressionen - Wenn die Dornenranken kommen ...

Stephan

Lie­be Com­mu­ni­ty, lie­be Pati­en­ten und Ange­hö­ri­ge,

In den vie­len Jah­ren in denen ich mich nun schon um Men­schen küm­me­re, ist mir ein Pro­blem beson­ders häu­fig auf­ge­fal­len. Chro­nisch Kran­ke und deren Ange­hö­ri­ge haben fast alle schon Erfah­run­gen mit Depres­sio­nen, Ängs­ten und ande­ren see­li­schen Pro­ble­men. Es liegt wohl am unfrei­wil­li­gen »Mehr« von allem.
Mehr Schmerz, mehr Sor­gen, mehr Kom­pli­ka­tio­nen. Es liegt bestimmt auch am unfrei­wil­li­gen »Weni­ger« von allem. Weni­ger Sicher­heit, weni­ger Gesund­heit, weni­ger Kraft.… Die Grün­de für eine depres­si­ve Erkran­kung sind viel­fäl­tig und doch ist es für mich kein Wun­der, dass gera­de chro­nisch Erkrank­te oft depres­siv wer­den.

Ich, ich hat­te schon immer Depres­sio­nen und mit den fol­gen­den Wor­ten möch­te ich euch zei­gen was Depres­si­on für mich bedeu­tet, wel­che Feh­ler ich gemacht habe und wie ihr es bes­ser machen könnt.

Dunkle Ranken und Tentakel

Egal was ich gera­de mache und wo ich gera­de bin; wenn sie mich holen will, dann holt sie mich. Sie zwingt mich Gefüh­le zu füh­len, die ich kaum ertra­ge. Sie nötigt mich, Gedan­ken zu den­ken, dich mich durch­dre­hen las­sen. Sie ver­geht sich an den Ur-Instink­ten, macht an unlo­gi­scher Stel­le Angst. Sie ist gemein, raubt mir den Schlaf und macht mich so unend­lich müde, müde von allem. Sie zwingt mich zu den­ken und zu füh­len bis ich nicht mehr einen kla­ren Gedan­ken fas­sen kann und auch kein Gefühl mehr zu ver­spü­ren ver­mag. Tage, Wochen, Mona­te, Jah­re – sie ist immer da, greift nach mir mit ihren schwar­zen Ten­ta­keln und hat sich unlängst wie­der fest­ge­saugt bevor ich es bemer­ken kann.

Lei­se flüs­ternd säht sie Kei­me der Zwie­tracht und Miss­trau­en in mei­nen Ver­stand, in mein Herz. Schwar­ze dunk­le Blu­men sau­gen mir die Lebens­kraft aus den Adern, wäh­rend sich das düs­te­re Wur­zel­ge­flecht immer tie­fer durch das eige­ne See­len­heil bort.

Frü­her hat­te ich Lösun­gen und Aus­we­ge – kei­ne guten, gewiss nicht – sie waren schlecht und doch sicher­ten sie mir mein Über­le­ben. Irgend­wann, so kam es in mei­nem Leben, woll­te ich die­se Lösun­gen von frü­her nicht mehr, brauch­te sie nicht mehr. Heu­te, vie­le, vie­le Schick­sals­schlä­ge spä­ter, älter und rei­fer, abge­här­tet und über­le­bens­er­probt, ver­zweif­le ich an guten, wirk­lich ver­nünf­ti­gen Lösun­gen.

Stell dir vor, all der Müll den du erlebst, sam­melt sich wie Was­ser in einer Regen­ton­ne. Trop­fen für Trop­fen… und irgend­wann kann die­ses Fass über­lau­fen. Hat man kei­ne pas­sen­den Ven­ti­le zum gesteu­er­ten Ablas­sen wird es irgend­wann gefähr­lich.

Von morschen Fässern

Was hab ich also gemacht? Ich hab am Anfang neben mein sehr früh voll gewor­de­nes Fass ein­fach wei­te­re klei­ne Auf­fang­be­häl­ter auf­ge­stellt. Die meis­ten hat­ten Löcher oder waren anders unbrauch­bar, aber was hät­te ich tun sol­len? Mit der Zeit habe ich gelernt wie man die Wand eines Fas­ses ver­stärkt und wie man ab und an ‘ne Kel­le oben abschöp­fen kann – doch auch das waren nur Über­gangs­lö­sun­gen.

So habe ich wei­ter gezim­mert und gehäm­mert und neue Fäs­ser erbaut. Kind­heit, Schul­zeit, jun­ger Erwach­se­ner, Erwach­se­ner… all die Ver­lus­te und Trau­ma­ta beka­men ihre Fäs­ser. Irgend­wann habe ich gemerkt, dass ich am bes­ten dar­in bin Fäs­ser für ande­re zu bau­en und ein­zu­la­gern. Das hat den schwar­zen Dor­nen­kra­ken auch immer gut besänf­tigt (so dach­te ich) und bau­te gewollt wie unge­wollt neue Fäs­ser, vie­le, vie­le Fäs­ser und hab mei­ne eige­nen ver­ges­sen.

Nun war ich jung, zu jung für einen Mensch der so vie­le Fäs­ser baut. Ich habe feh­ler­haft gear­bei­tet und durch die vie­len tol­len guten Fäs­ser der ande­ren, merk­te ich ein­fach nicht wie mei­ne lang­sam morsch wur­den, Ris­se beka­men oder nen Wurm hat­ten. Zwei mal ist ein Fass explo­si­ons­ar­tig gebors­ten, hat alle ande­ren wackeln und wan­ken las­sen.

Heu­te baue ich kei­ne Fäs­ser mehr. Ich habe irgend­wann noch ein paar Kom­post­hau­fen für mei­ne Gesund­heit ange­fer­tigt, doch Fäs­ser baue ich nicht mehr. Ich bin total auf Logis­tik und Ver­wal­tung umge­stie­gen; immer noch sehr nah dran an der Mate­rie, aber aus unmit­tel­ba­rer Gefahr.

Doch mitt­ler­wei­le bin ich an einem Punkt, da soll­te ich mir ein frei­es Jahr gön­nen, nichts tun oder nur noch das tun wonach mir ist. Dann, ja wenn ich mich dann ein wenig erholt habe und ein biss­chen posi­ti­ver in die Welt bli­cken kann, ja dann wer­de ich auch wie­der Zeit fin­den für mei­ne alten kaput­ten und über­ho­lungs­be­dürf­ti­gen Fäs­ser. Qua­si “back to the roots”, zurück zu den Anfän­gen. Ich hab sie ja auch lieb gewon­nen mei­ne Fäs­ser, auch wenn sie fau­lig sind und stin­ken, sie haben ihren ganz eige­nen Charme… und doch muss ich mich irgend­wann von ihnen tren­nen. Das muss ich, das will ich und das wird dann auch genau rich­tig sein.

Keine Scham!

Depres­sio­nen sind kei­ne Schan­de! Es ist eine Qual die oft nie­mand mit­be­kommt. Wir ent­wi­ckeln Stra­te­gi­en um mit all dem oben beschrie­be­nen irgend­wie zurecht zu kom­men. Die­se Stra­te­gi­en scha­den uns oft noch mehr, aber Haupt­sa­che wir ver­let­zen euch nicht. Wir ver­zwei­feln selbst dar­an, dass wir sind wie wir sind und wei­sen Men­schen manch­mal von uns, weil wir sie im tiefs­ten inne­ren vor unse­rer dunk­len Gedan­ken­welt schüt­zen wol­len… oder ein­fach nicht glau­ben kön­nen, dass man uns so wie wir sind wirk­lich mag, viel­leicht sogar liebt.

Eine Depres­si­on hat vie­le Gesich­ter, ange­bo­ren oder durch Trau­ma­ta ausgelöst.Ja, auch orga­ni­sche Ursa­chen kön­nen eine Depres­si­on aus­lö­sen. Gar nicht so sel­ten bleibt sie ein Leben lang bestehen – mal stär­ker mal schwä­cher, aber immer da wie ein lei­ses Hin­ter­grund­rau­schen, selbst wenn du glaubst es ist alles gut. Gera­de chro­nisch Kran­ke sind beson­ders anfäl­lig für depres­si­ve Erkran­kun­gen. Schmer­zen, Ver­zicht, Erschöp­fung, Neben­wir­kun­gen und Ängs­te: es gibt unzäh­li­ge Grün­de, die einen chro­nisch kran­ken Men­schen auf Dau­er zer­mür­ben kön­nen. Auch Men­schen die sich um einen chro­nisch kran­ken küm­mern sind genau­so gefähr­det see­lisch durch die Pfle­ge und Betreu­ung zu erkran­ken oder zumin­dest belas­tet zu wer­den, denn wer sich immer Sor­gen macht wird krank. Bei Pati­en­ten mit sel­te­nen Erkran­kun­gen kom­men dann noch wei­te­re Pro­ble­me dazu: Man fin­det kei­nen Behand­ler, wird nicht ernst genom­men, ist immer ein Son­der­fall und gene­rell ist alles ein­fach immer kom­pli­ziert und pro­blem­be­haf­tet.

Fangt an dar­über zu reden! Es gehört mit dazu und nur wenn die Gesell­schaft erfährt wie es Men­schen mit Depres­sio­nen wirk­lich geht, kann sich ein neu­es Bewusst­sein für ein bes­se­res Mit­ein­an­der ent­wi­ckeln. Reden tut gut, es ent­las­tet und schnell merkt man, dass man weder bekloppt noch pein­lich ist. Wer Ver­ständ­nis will muss sich öff­nen. Wer immer alles mit sich selbst aus­macht wird dar­an zugrun­de gehen. Ich weiß wovon ich rede.

Euer Ste­phan

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