das Leben mit Immundefekt

Mein Kinderwunsch und kranke Eltern

Stephan

Lieber Andersdenkender, liebe Andersdenkende,

heute geht es um ein sehr intimes Thema. Ich bin jetzt 31 und seit sieben Jahren in einer Beziehung. In den letzten Jahren häufte sich die Frage, ob mein Mann und ich nicht irgendwann mal Kinder adoptieren wollen und weil ich viel mit kranken Kindern und Eltern zu tun habe, möchte ich euch erzählen wie es dazu kam, dass ich mich gegen Kinder entschieden habe. Heute müsst ihr euer Schubladendenken ablegen und einfach mal versuchen über den Tellerrand hinaus zu blicken. Nicht alles was ihr hier heute lest ist leichte Kost und vielleicht müsst ihr über die ein oder andere Sache ein zweites oder sogar drittes Mal nachdenken. Ich danke euch fürs Lesen meiner tiefsten Gedanken und hoffe, ihr geht sorgsam mit ihnen um.

Da ändern auch die Gesetze nix dran

Lange haben sich gleichgeschlechtliche Paare überhaupt keine Gedanken über eine Adoption machen müssen, da es die gesetzliche Grundlage leider nicht gab. Zwar haben gerade schwule Männer mit Kinderwunsch schon lange das Recht auf gemeinsame Adoption eingefordert (lesbische Pärchen haben es da definitiv einfacher an ein Kind zu kommen: Bechermethode, künstliche Befruchtung im Ausland etc.) doch getan hat sich bis zur Öffnung der Ehe nichts. Jetzt stünde zumindest aus juristischen Aspekten nichts mehr im Weg, dass Jens und ich ein Kind adoptieren. Doch wir werden es nicht tun.

Als ich noch auf Mädels stand

Als pubertärer Jungspund und auch als junger Erwachsener hatte ich ja noch Mädels in mein Bett gelassen und natürlich hatte ich auch Beziehungen mit dem weiblichen Geschlecht. Am Ende meiner Schulzeit war es auch gerade voll im Trend sich sehr jung die Verantwortung für ein anderes Leben aufzubürden. Es war die Zeit der ganzen “Teenie- Mütter”. Wer nix wird, wird schwanger… ja, es gab genügend Mädels, die gesagt haben sie wollen eh “nur” Mutter sein. Ein anderes Familienmitglied ging da beispielhaft mit und wurde auch schwanger bevor sie eine Ausbildung gemacht hatte.

Ich hatte schon damals das Gefühl, dass gerade Mädels und Frauen aus kaputten Familien dazu neigen, sich möglichst schnell und früh zu vermehren. Der kleine Psychologe in mir sagt, dass diese Frauen einfach nur ganz schnell das haben wollen, was sie selbst nicht hatten: Liebe, Geborgenheit und etwas an das man sich halten kann. “Das Kind wird mir bestimmt ganz viel Liebe zurückgeben”, “Ich mache alles besser als meine Eltern” und “Jeder wird sehen, wie gut ich mich um das Kind kümmern werde” – all das sind Gedanken, die ich glaube zu hören, wenn so ein früh-pregnantes Mädel an mir vorbei läuft.
Ich wusste ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig, dass ich auf Männer stehe und deshalb gehörte Papa werden auch zu meiner normalen Lebensplanung. Selbst später habe ich mir eingeredet, ich könnt auf jeden Fall ein eigenes Kind zeugen – ob mit ner festen Partnerin oder eben einer Leihmutter. Doch den Gedanken habe ich verworfen. 

Ich sollte keine Kinder machen

Am Anfang meiner Diagnose wusste ich noch nicht wie tiefgreifend mein angeborener Immundefekt in seinen Auswirkungen ist. Erst nach und nach verstand ich, was da an meinen Genen kaputt ist und wie umfangreich  sich so ein Defekt ausprägen kann. Mit der Zeit habe ich ein großes Verständnis für die immunologischen Prozesse entwickelt und mich mehr und mehr mit Vererbungslehre auseinandergesetzt. Bei beiden Seiten meiner Eltern sind Autoimmunerkrankungen in Hülle und Fülle vorhanden – von Hashimoto und Sarkoidose über Rheuma und Schuppenflechte ist da alles vertreten. Lymphknoten-Veränderungen bei meinem Erzeuger erhärten den Verdacht auf eine vererbbare Komponente sehr stark. Auch bei meiner Mutter wurde ein leichter Immundefekt diagnostiziert, ebenso bei meiner Familienmitglied.
Hinzu kommt die genetische Augenerkrankung meiner Mutter, die letztlich zur Erblindung führt. Ich habe keine guten Voraussetzungen ein gesundes Kind zu zeugen und panische Angst davor, für ein solches Leben wie meins verantwortlich sein müssen.
Und dann ist da natürlich noch meine nicht wirklich vorhandene Gesundheit. Ich hätte einfach nicht die Kraft einem Kind dauerhaft gerecht zu werden. Ich werde ja nicht mal mir selbst gerecht.

Gesellschaftliche Verantwortung

Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung und diese beinhaltet meiner Meinung nach auch das Erbgut. Der Genpool ist begrenzt und wir alle stammen von einer kleinen Gruppe Urmenschen ab… doch gibt es immer noch Idioten, die glauben es sei besser sich nur innerhalb des gleichen Stammbaums zu paaren. Wie wichtig genetische Vielfalt innerhalb einer Population ist, sollte jedem bewusst sein!

Ist sich das Erbgut der Eltern zu ähnlich, kann dies zu schweren Behinderungen durch kaputte Gene führen. So werden manchmal Gendefekte über Generationen weiter getragen. Ein gutes Beispiel für die Auswirkungen von einem zu kleinen Genpool sieht man bei verschiedenen abgeschotteten Bevölkerungsgruppen, bei denen bestimmte Defekte bei so gut wie jeder Person vorhanden sind. So gibt es kleine Inselvölker die durch die Abgrenzung zur Welt kein neues Erbgut in den Genpool bekommen haben. Beispielsweise eine Insel deren Bewohner alle mit nur drei Fußzehen zur Welt kommen. Jedoch führt nicht nur eine räumliche Begrenzung zu solchen Familiendefekten. Es gibt Bevölkerungsgruppen die sich durch Lebensart, Religion und kulturelle Eigenheiten nicht mit anderen Teilen der Bevölkerung vermischen wollen. So sieht man z.B. bei einigen reisenden Völkern ein gehäuftes Auftreten von Strabismus (schielen). Es gibt einen Gendefekt der das Schielen dominant vererbt, deshalb kann es passieren, dass man bei einer kompletten Gruppe dieses Phänomen  sehen kann.

Wie ihr seht, ist schon eine gewisse Vielfalt von Nöten damit gesunde Menschen geboren werden. Die natürliche Selektion sieht eigentlich vor, dass sich nur das beste, stärkste und vielfältigste Erbgut durchsetzt. So entwickeln wir uns weiter und so war es bisher immer.
Es gibt nur mal Menschen, die passen genetisch nicht zusammen. Sie können tun was sie wollen, die Frau wird entweder nicht schwanger oder neigt zu Fehlgeburten. Meine Mutter hatte auch Schwangerschaften, die frühzeitig abgegangen sind, bevor meine Schwester und dann ich zur Welt kamen. Wir sind beide nicht gesund und die Schwangerschaft mit mir hat meiner Mutter am Ende fast das Leben gekostet.

In den ganzen Jahren in denen ich nun schon Kontakt zu kranken Menschen habe sind mir, was dieses Thema betrifft, auch echte Horrorbeispiele begegnet. Da gibt es Eltern, die trotz mehreren Fehlgeburten und einem bereits schon verstorbenen Kind, auf Teufel komm raus den nächsten Versuch starten und ein Kind bekommen… welches Jahre später an den Folgen eines Gendefektes stirbt. Dann wurde sie wieder schwanger…
Ich versteh es nicht. Nein, dafür habe ich wirklich kein Verständnis mehr übrig. Es gibt Menschen, die sollten überlegen ob man aus Respekt gegenüber dem Leben nicht doch seinen Kinderwunsch (also auch das eigene Ego) zurück schraubt und anfängt realistisch zu denken.
Es ist traurig, es ist hart und doch muss man akzeptieren, wenn die eigene Biologie keinen Nachwuchs zulässt.

Ja und dann kam Mama

Es ist ja nicht so, als hätte ich alles Geld und alle Zeit der Welt um mich um ein Kind kümmern zu können. Der Hauptverdiener ist Jens und der ist fünf Tage die Woche außer Haus um uns damit ein lebenswertes Leben zu finanzieren. Ich, ja ich habe doch bereits Verantwortung für einen Menschen: meine Mutter – 65 Jahre alt, gehbehindert, blind und mehrfach erkrankt. Jedoch eben erst 65 und damit bestimmt noch einige Jahre Bestandteil meines täglichen Lebens. Ich würde hier keinem Kind und auch meiner Mutter nicht mehr gerecht werden.

Fazit

Viele Tränen sind bei mir geflossen, viele Nächte lag ich wach und verdammt was habe ich mir schöne Zukunftszenarien ausgedacht. Wenn ich alt und grau bin, sofern ich alt und grau werde, dann wird da aber niemand sitzen mit meinen Augen und da wird niemand sitzen mit meinem Herzen im Blick und dann wird mir der Schmerz wohl bewusst werden wie nie.
Und doch habe ich begriffen, dass es nicht jedem gegönnt ist Kinder zu kriegen, dass es mir vergönnt ist Kinder zu haben und ich kann nichts tun außer diese Tatsache zu akzeptieren. Aus Respekt vor dem Leben und aus Angst vor Leid.

“Sehe ich in die Augen eines Kindes, dann sehe die Zukunft, die pure Unschuld und ein reines Herz mit allen Möglichkeiten diese Welt zu gestalten. Ein Lächeln und mir wird klar, dass ich nie das Glück verspüren werde mit aller Liebe und mit Vertrauen und Hoffnung dafür sorgen zu können, dass ein Kind nie das Gute verliert und sich immer geliebt fühlt. Wenn ich gehe, dann für immer und da bleibt keiner der von mir und meinem Leben erzählen kann. Vergessen für immer.”

Ich würde mich über Feedback freuen und hoffe, ihr könnt mich verstehen.
Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt in meine Gedanken zu tauchen… ich bin auf eure gespannt!

Stephan

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