Leben mit Immundefekt / Hafer, Hanf und Cannabis

Tipps und Tricks für den Antrags-Dschungel

Stephan

Tipps & Tricks für den Antrags-Dschungel

Das mit den Anträgen auf Schwerbehinderung und Reha oder Rente bleibt ein ewiger Kampf für Menschen mit seltenen Erkrankungen. Da die Gutachter vom MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) oft nur über allgemeinmedizinische Kenntnisse verfügen, geben diese leider oft auch absolut falsche Beurteilungen ab. Es gibt allerdings kleine Verhaltensregeln und Tricks um die Chancen auf ein Antragsverfahren mit zufriedenstellendem Ausgang zu begünstigen.

So, nun ist es soweit und vor Euch liegt einer dieser Anträge. Schnell die Stammdaten eingetragen und dann geht es auch schon los mit den Fragen nach Gesundheit, Psyche sowie den sogenannten Gesundheitsstörungen und Beeinträchtigungen. (Nehmt euch ganz viel Zeit und vor allem: Nehmt ein zweites oder sogar drittes Extrablatt dazu. Dafür legt man dem Antrag einfach die Extrablätter bei und schreibt in der Zeile für die Ausführungen über den Gesundheitszustand “siehe Beiblatt”. Es ist wirklich wichtig nicht einfach eine Krankheit oder ein Symptom stichpunktartig aufzuschreiben auch wenn es in den Anträgen so vermerkt ist. Führt jede Kleinigkeit genau aus.)

Ein Beispiel anhand von Migräne.

Schreibt auf keinen Fall einfach Migräne oder Kopfschmerzen sondern formuliert die Sache aus: “Ich leide seit Jahren unter unerträglicher Migräne. Dabei habe ich nicht einfach nur Kopfschmerzen. Ich bin lichtempfindlich und kann mich dann nur in dunklen Räumen aufhalten, da ich bei Lichtwahrnehmung sofort vor Schmerzen zusammen brechen würde. Ich muss mich dabei furchtbar stark übergeben, wobei ich mir auch schon diverse Male die Speiseröhre verätzt habe. Keine medikamentöse Behandlung schlägt an und obwohl ich mich auch in Entspannungstechniken übe und meinen Lebensstil der Erkrankung angepasst habe, will es einfach nicht besser werden.”

Damit habt ihr dem Sachbearbeiter schon mal dargelegt wie schlecht es euch wirklich geht. Dann geht es darum was die Migräne mit Euch macht und wie sie sich negativ aufs Leben auswirkt: “Durch diese immer wiederkehrende Einschränkung schaffe ich es kaum noch meinen Haushalt zu führen. Glauben sie mir, wie weh es mir tut nicht mehr jeden Tag für meine Familie kochen zu können. Bei Hausaufgaben helfen oder einfach nur Einkaufen, all diese Dinge kann ich kaum noch leisten. Wenn das so weiter geht wird mir mein Chef mir kündigen, es ist zwar nur ein Nebenjob, aber wir kommen so gerade mal um die Runden…” und so weiter.

Ich denke jetzt wisst ihr was ich meine und versteht warum es so unglaublich wichtig ist, wirklich einfach mal alles zu verschriftlichen. Wenn es um emotionale/seelische Dinge geht dann müsst ihr nicht so auf die Wortwahl achten. Je offener und menschlicher ihr euch ausdrückt umso eher schafft ihr beim Leser ein Verständnis für eure Situation. Wenn es aber um medizinisches geht, dann Haut ruhig die Fachtermini raus mit denen ihr vertraut seit. Das wirkt kompetent und der Sachbearbeiter merkt, dass er euch nicht so einfach abspeisen kann.

Ein kleiner Tipp: In Deutschland spricht man immer vom GdB: Grad der Behinderung. Der GdB wird nicht in Prozent ausgedrückt.

Das Foto für den Schwerbehindertenausweis

Ihr wollt, dass man euch ernst nimmt wenn es darum geht, wie schlecht es euch geht. Also was hier eigentlich logisch sein sollte vergessen leider viele Menschen: Kein Make Up, Augenringe sind voll in Ordnung und bitte nicht zu viel lachen. Das ist mein voller Ernst!

Macht Euch schlau über die aktuelle Gesetzeslage

Holt euch kostenlos Informationen bei den Sozialämtern und stöbert vorab schon mal in dem ein oder anderen Gesetzesbuch herum. Tauscht euch mit Gleichgesinnten aus und sucht, wenn nötig, nach Präzedenzfällen. Passende Gesetzestexte können gezielt gesetzt Wunder wirken.

Eine gute Vorbereitung ist alles

Im besten Fall habt ihr sowie jeden Befund und jede schriftliche Diagnose in den eigenen Unterlagen – was für so eine Situation einfach Gold wert ist. Wenn nicht, dann versucht selbst schon mal alles zusammenzutragen. Denn wenn Sachbearbeiter die Unterlagen bei den Ätzten erst anfordern müssen, dauert es ewig bis da jemand antwortet. Manche Behandler antworten sogar überhaupt nicht und nach einem halben Jahr bekommt ihr dann einen Ablehnungsbescheid.

Wenn ihr an einer seltenen Erkrankung leidet, dann macht es Sinn dem Sachbearbeiter ein Infopaket zu schnüren. Informationen über die Erkrankung und deren Folgen, Patientengeschichten oder Broschüren und Flyer wirken hier sehr eindrucksvoll. Ich stelle für so etwas auch immer gerne eine Linkliste zusammen oder verweise an kompetente Sachverständige. An dieser Stelle darf auch ruhig ein wenig dramatisiert werden, Mehr ist hier auch mehr und da kommen wir auch schon zu meinem kleinen Geheimtipp:

Strafgesetzbuch – Besonderer Teil
§§80-358, 23. Abschnitt: Urkundenfälschung
§§267-282, §278: Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse

“Ärzte und andere approbierte Medizinalpersonen, welche ein unrichtiges Zeugnis über den Gesundheitszustand eines Menschen zum Gebrauch bei einer Behörde oder Versicherungsgesellschaft wider besseres Wissen ausstellen, werden mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”

Uns wie hilft uns das weiter? Als Beispiel nehme ich hier Menschen mit einem angeborenen Immundefekt. Hintergrundinfo: Seit Ende der DDR werden in Deutschland keine Fachärzte mehr in Immunologie ausgebildet. Wie soll also ein Arzt beim MDK, ohne immunologische Facharztausbildung, ein richtiges Gutachten erstellen? Wenn sich der Gutachter also keine Unterstützung von anerkannten Fachmännern und Fachfrauen für Immunologie holt, dann legt er ein falsches Zeugnis ab und macht sich somit laut aktueller Gesetzeslage strafbar. Es fehlt dann schlichtweg an Sachkunde – diese Tatsache eignet sich besonders gut für Widerspruchsverfahren.

Noch zu Beachten

Fügt diesen Anträgen immer ein persönliches Anschreiben bei in dem ihr erklärt wie wichtig euch die Angelgenheit ist und weshalb ihr die Absicherung oder Maßnahme benötigt. Beendet dieses immer in dem ihr den Sachbearbeiter in die Pflicht nehmt: “Sehr geehrte Damen und Herren, Sie sind nun für meine Zukunft verantwortlich und ich hoffe, dass Sie mein Anliegen ernst nehmen . Wenn Sie mich jetzt auch noch im Stich lassen, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.”! Hart aber unglaublich wirksam.

Damit müsst ihr rechnen.

Die Sachbearbeiter sind angehalten so viele Anträge wie möglich abzulehnen. Man könnte manchmal glauben sie bekommen Provision dafür. Es ist so, dass die meisten Antragssteller sich mit einem Ablehnungsbescheid einfach zufrieden geben, weil sie keinen Nerv mehr haben oder es ihnen einfach an Kraft fehlt. Damit wird auf den Ämtern gerechnet, deswegen reicht meist ein gut begründeter Widerspruch aus. Es geht auch das Gerücht herum, dass Sachbearbeiter eure Profile in den sozialen Netzwerken checken um zu gucken, ob der/die einen oder andere vielleicht gar nicht krank ist. Also passt gut auf, was ihr der Öffentlichkeit über euer Privatleben preisgebt.

Zum Schluss noch zwei Sachen.

Haltet euch bitte an die Fristen, aber nutzt diese auch gut aus. Generell gilt – Ablehnungsbescheide kommen immer schneller als eine positive Nachricht. Alles was ihr schreibt immer in Kopie behalten und egal was es ist gebt das Geld aus und versendet jeden Brief immer per Einschreiben mit Rückschein!

Wie ihr sehen könnt gibt es doch so einiges zu beachten. Aber solange ihr einen kühlen Kopf bewahrt und euch nicht einschüchtern lasst habt ihr nur zu gewinnen.

Viel Erfolg beim nächsten Antrag

Stephan, euer Alltagsmacher

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